
Die kurzweiligsten 1500 Kilometer meines Lebens
Adelaide bis Alice Springs – 1533 Kilometer gibt Google Maps an. Da ich nicht auf eigene Faust ins Outback fahren wollte, habe ich eine geführte Tour gebucht. Ich würde also jeden der nächsten sechs Tage mit 19 anderen Leuten für bis zu zehnstündige Fahrten in einem Minibus sitzen. «Das kann ja heiter werden», dachte ich. Dass es wirklich heiter würde, hätte ich am ersten Morgen um 6.30 Uhr, als wir Adelaide verliessen, nicht gedacht. Doch keine der langen Autofahrten in «Lloyd», wie der Bus genannt wurde, fühlte sich wie eine zehnstündige Fahrt an. Dafür sorgte unser Guide Altair, der nicht nur unser Reiseleiter, sondern auch Fahrer und vor allem Entertainer war. Er wählte für jede Region und Tageszeit die richtige Musik und sang lauthals und falsch dazu mit. Auf der Fahrt von Flinders Ranges nach Coober Pedy sangen wir im Bus Karaoke. Jeder der wollte, setzte sich nach vorne auf die Ablagefläche zwischen der beiden Frontsitze und sang ein Lied. So verging die Zeit wie im Flug.
Coober Pedy erlangte Berühmtheit, als 1915 der erste Opal gefunden wurde. Seither wird hier nach Opalen gesucht. Offiziell darf das Feld nicht mehr für Minen vergrössert werden, aber viele der Bewohner umgehen diese Regel, indem sie einen Anbau an ihr Haus bewilligen lassen, um so weiter graben zu können. Wir schliefen in einer Unterkunft, die an einen Luftschutzkeller erinnerte. In der Wüstenstadt wird es extrem heiss, so dass diese unterirdischen Unterkünfte die beste Lösung sind. Darin ist es das ganze Jahr über etwa 21 Grad kühl. Auf die Idee dieser Wohnungen kamen Heimkehrer aus dem ersten Weltkrieg, die dort Schützengräben ausgehoben haben. Diese Technik wendeten sie auch in Coober Pedy an, nicht um sich vor Gewehrkugeln, aber vor der Hitze zu schützen. Heute leben praktisch alle 1700 Einwohner der Stadt unterirdisch.



Nach dieser Nacht fuhren wir wie jeden Morgen um 5 Uhr los, um die Hitze zu vermeiden. Viele schliefen im Auto, doch ich wollte wach bleiben, um keinen «Grid» zu verpassen. Ein Grid ist ein Rost, der quer in der Strasse liegt, um zu verhindern, das Kühe ihre Weiden entlang der Strassen verlassen. Jeder Grid wird durch ein gelbes Warnschild angekündigt und wenige Meter später folgt der Rost. Altair führte ein Spiel ein, bei dem man exakt in dem Moment, wenn der Bus über dem Rost war, «Grid!» schreien musste. Das machte die Fahrt interessanter. Ein weiteres Spiel war, zu raten, ob die Fahrer in den entgegenkommenden Autos zur Begrüssung einen Finger, zwei Finger oder die ganze Hand hoben.
Kreative Worterfindungen
Nach einem Tag mit «Griiiiiid!» schreien, erschwerte Altair das Spiel: Nun sollten wir Worte finden, die man mit Grid ersetzen konnte, so dass das ursprüngliche Wort noch erkennbar war. Zum Beispiel Gridnightsun anstatt Midnightsun. Ich wurde richtig ehrgeizig und überlegte mir neue Wortkombinationen, während die rote karge Landschaft an den Fenstern vorbeiflog. Hier sind einige meiner Grids:
We had GRIDza last night (Pizza).
I’m sendig GRIDings from Australia to Switzerland (Greetings).
GRID the road Jack (Hit).
It’s GRIDen in the stars (written).
Grid Mac (Big Mac).
InGRIDibly awesome (incredibly).
Groovy Grapes are the best inGRIDients for an awesome Tour (ingredients).
(Groovy Grapes ist der Tourveranstalter.)
Dieses Spiel begleitete uns für die nächsten vier Tage, wir sagten auch Griiiid anstatt Cheese bei Gruppenfotos und Grid anstatt Cheers, wenn wir anstiessen.
Schlafen unter den Sternen
Das Highlight der Tour war der Besuch des Uluru. Wir sahen ihn das erste Mal zum Sonnenuntergang und es war sehr eindrücklich wie der für die Aborigines heilige Berg alle paar Minuten seine Farbe änderte von orange zu tiefrot bis zu violett. Wir übernachteten auf einem Campingplatz in der Nähe in Swags rund ums Lagerfeuer. Ein Swag ist ein Plachen-Schlafsack, in den man seinen normalen Schlafsack legt. Er schützt vor Feuchtigkeit, die aber praktisch nicht vorhanden war. Es war ein eindrückliches Erlebnis unter den Sternen zu schlafen. Man sah das Kreuz des Südens und die Milchstrasse sehr gut.



Am nächsten Morgen sahen wir den Sonnenaufgang am Uluru, auch das ist ein eindrückliches Schauspiel. Dass es ein besonderer Ort ist, mit einer starken Ausstrahlung, spürte ich vor allem, als wir der Basewalk machten, der rund um den Uluru führt. Zu entdecken gibt es viele sogenannte Beweise für die Creationstories (früher Dreamtime genannt) der Aborigines. Ein Beweis erinnert an die Story von Kuniya, einer Schlange, die zum Uluru kam, um hier ihre Eier abzulegen. Als sie hier war, erfuhr sie, dass ihr Neffe in fremdes Land eingedrungen war und von den Lirus (Braunschlangen) gejagt und lebensgefährlich verletzt wurde. Sie eilte zum Ort des Geschehens und tötete die Braunschlange. Dann nahm sie ihren Neffen vom Boden auf und trug ihn zu einem Wasserloch. Dort vereinten sich ihre zwei Seelen und wurden zur Regenbogenschlange, die heute im Wasserloch lebt und darauf aufpasst. Wo sich die Seelen vereint haben, sieht man ein grosses Herz in der roten Felswand des Uluru.

Da der Fels für die Aborigines heilig ist, fand ich es schrecklich zu sehen, dass es hunderte unsensibler Menschen gibt, die noch auf den Uluru stiegen, bevor man ihn Ende Oktober schloss. Nun ist der Berg zum Glück offiziell gesperrt für Bergsteiger und der Fels muss restauriert werden.


Ein Gedanke zu „Die kurzweiligsten 1500 Kilometer meines Lebens“
Liebe Mirjam
da bin ich überrascht wie interessant Deine Reise geworden ist! Du hast Dich scheinbar erholt?
Habe Gratisexemplare von „St. Galler Geheimnisse“ erhalten. Meine Bekannt sind hell begeistert und kaufen sich natürlich ein Buch!
Weiterhin viel Entdeckergeist!
Maria